Menschen

Müssen Gründer Rockstars sein?

25.06.2007, Menschen, Wirtschaft, CBS 2 Reaktionen

Kürzlich wurde im Gründerraum-Blog von Wiwo.de ein Gastbeitrag von Martin Oetting veröffentlicht. Wie gewohnt hat Martin wieder mit viel Leidenschaft seinen Standpunkt als Mundpropaganda-Experte vertreten und meint: Gründer, “seid eine Rockband!”

Wer also ein Start-Up gründet und es sich nicht leisten kann, für Nutzerwerbung Millionen von Euros auszugeben [...], sollte im Kopf behalten: Ihr seid eine Rockband! Erspielt Euch Eure Fans! Konferenzen, Barcamps, Blogs, Foren, Kongresse, Journalisten, … das ist Euer Publikum. Da müsst Ihr tingeln gehen. Und von Eurem Projekt erzählen.

Einerseits muss man ihm natürlich Recht geben, aber ich sehe auch Gefahren im stetigen Konferenz-Hopping. Zum Einen kann es auch eine ganze Menge Geld kosten ständig in Deutschland oder sogar Europa rumzureisen. Jeden Monat finden sich Termine, bei denen man vor Ort sein müsste. Nach der Gründung von Ecato Mitte 2005 bin ich mit einem Kollegen ebenfalls ein halbes Jahr lang fast vierzehntäglich durch die Republik zu Stammtischen, Branchenevents, Messen und potenziellen Kunden gereist. Alles in allem war das Ergebnis daraus eher ernüchternd, obwohl das Interesse nach dem Ausstieg bei Zanox groß war.

Außerdem, wenn man (wie viele) gerade zu Beginn ein kleines Team hat, wird auch viel Zeit für Reisen geopfert, die man vielleicht besser in Teambildung, das Produkt und Online Marketing investieren sollte. Als Beispiel für erfolgreiche “Startup-Rocker” wurde zum Beispiel Sarik Weber von Cellity genannt. Sarik ist in der Tat ein echter Networker, beinahe omnipräsent und mit Sicherheit auch erfolgreich damit. Man muss sich jedoch auch immer vor Augen führen, dass man auf Konferenzen, Barcamps und Kongressen zwar viele Entscheider trifft, die womöglich auch als Multiplikatoren dienen können, aber die eigentliche Zielgruppe tummelt sich oft ganz woanders. Und so bleibt im Web 2.0 vieles sozusagen “in der Famile”, wie sich durchaus an der stagnierenden Reichweite vieler deutscher Web 2.0 Plattformen ablesen lässt.

Auch Ibrahim Evsan, Gründer der Videoplattform Sevenload, könnte man sicher zu den Web 2.0 Rockstars zählen. Er scheint ebenfalls auf ständiger Roadshow. Wer Ibos Vorträge hört, wird von seiner Begeisterung mitgerissen. Er ist ein echter Visionär und Vollblutunternehmer. Hingegen Christian Vollmann, vom Wettbewerber Myvideo, ist meines Wissen weniger auf den diversen Barcamps und einschlägigen Konferenzen unterwegs. Dennoch hat er in gewissem Sinne die deutlich erfolgreichere “Rockband”, denn die Reichweite seiner Videoplattform ist um ein Vielfaches größer, als die von Sevenload. Auf der Startup Lounge hatte er dafür ein paar mögliche Gründe genannt. So hat Sevenload auch meiner Meinung nach sicher das “bessere” Produkt, aber das erkennt und schätzt wohl vor allem die verhältnismäßig kleine, deutsche Blogszene. Myvideo hingegen startete nach wenigen Wochen Entwicklung kurz bevor Sevenload “public” ging und sicherte sich so viel Medienaufmerksamkeit. Außerdem positioniert Christian Myvideo als Portal und kann vor allem durch die Kooperation mit ProsiebenSat1 massenwirksame Inhalte anbieten.

Um zurück auf das Thema Konferenzen & Co. zu kommen… ich halte es mittlerweile so, dass ich mich vor allem hier in Berlin an Veranstaltungen beteilige und nur noch ein, zwei mal im Jahr große Branchenveranstaltungen außerhalb besuche. So wie dieses Jahr die Next07 Anfang Mai in Hamburg und im September die OMD. Man sollte sich also nicht zu sehr wegen des ganzen Hypes verrückt machen lassen und eher darauf konzentrieren das Produkt schnell auf den Markt zu bringen bzw. weiterzuentwickeln und mit effektivem Online Marketing seine Zielgruppe zu erreichen. Weblogs schaffen ebenfalls eine gute Kommunikationsplattform und sorgen auch terminunabhängig für Auffindbarkeit zu den besprochenen Themen über Suchmaschinen. Die meisten Presseanfragen erreichen uns immernoch auf diesem Weg.

2 Reaktionen

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  • Martin Oetting

    26.06.2007 06:58, Website

    Es geht auch nicht notwendigerweise um Konferenzen um jeden Preis. Sondern darum, dass man seine Nutzer fest im Fokus hat, und dass das, was man macht, nur für sie geschieht. Damit das gelingt, muss man ihnen aber ständig auf der Spur, ihnen nahe sein. Ob nun, weil man zu Veranstaltungen geht, oder weil man auf andere Weise immer wieder Input einholt, Feedback abholt, mit möglichst vielen von ihnen in intensivem Austausch steht.

    Andererseits gilt: alle, die Du oben als Konferenztingler nennst, sind mit ihren Plattformen eben auch bekannt! :-) Und der Vergleich zwischen Sevenload und MyVideo hinkt natürlich. MyVideo ist fest in das redaktionelle Programm von SAT1 ProSieben eingebunden. Dass das Masse beim Traffic schafft, ist klar. So eine Medienkeule hat Ibo nicht zur Verfügung. Ich hatte ja geschrieben: wer keine Millionen für Reichweite ausgeben kann, muss den anderen Weg gehen. MyVideo hat die Millionen in Bezug auf massenmediale Reichweite.

  • CBS

    26.06.2007 11:43, Website

    Danke, Martin, für Deinen Kommentar. Ich stimme Dir ja zu, dass man im engen Austausch mit seinen Nutzern stehen und sie an Schaffungsprozessen beteiligen sollte. Aber der springende Punkt ist doch, ob man seine User überhaupt auf den angesprochenen Veranstaltungen antrifft. Ich denke auch nicht, dass das Beispiel Sevenload/Myvideo besonders hinkt. Denn schaut man sich die Alexa-Kurven mal von Anfang an an, stellt man fest, dass Myvideo seit dem Start auch ohne ProsiebenSat1 schnell deutlich mehr Reichweite hatte. Dies war vielleicht auch überhaupt erst ein Grund für die Beteiligung des Medienkonzerns. Zwar sind wir beide wohl eher Fans von Sevenload, doch man kann von uns Insidern nicht auf die breite Masse schließen, die solche Plattformen nunmal erreichen müssen, wenn es um den Shift von TV ins Internet geht. Im Übrigen hat Ibo mit Ströer und Burda mittlerweile ebenfalls Millionen in Bezug auf massenmediale Reichweite im Rücken und nutzt sie auch. ;-)